Aschura-Feiern im Libanon
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Schauspieler der Nachstellung der Schlacht von Kerbela finden sich vor Beginn der Aufführung hinter der Bühne zusammen. Diese Männer spielen die Rollen der sunnitischen Ummayaden, die gegen die Armee Husseins kämpften und ihn schließlich töteten. Mit der Hinrichtungsgeste spielen sie ironisch auf die sunnitischen IS-Kämpfer ("Daesh") an, die mit dem Köpfen von Geiseln und gegnerischen Kämpfern die Region heute in Schrecken versetzen. -
Bei der Nachstellung der Schlacht von Kerbela (Ta'zieh) wirken professionelle Schauspieler ebenso mit wie Pferde. Zehn Tage lang hatte die aus Damaskus kommende Armee der Umayyaden Husseins Lager bei Kerbela belagert und die Angehörigen der Familie des Propheten Mohammed fast vollständig getötet. Dieser entscheidende Moment in der Geschichte wird seit mehr als tausend Jahren durch Darstellungen wie dieser für die Nachwelt bewahrt. -
Wie hier zu sehen, gehen Gruppen von Männern auf die Straße, um das Tatbir auszuführen und danach für Stunden den Kopf in nickenden Bewegungen wild hin und her zu bewegen. Auch das Ta'zieh ist zu sehen. Zusammen verkörpern Ta'zieh und Tatbir die doppelte Bedeutung von Aschura: Huldigung des Märtyrers Hussein in Kerbela und Buße dafür, dass man ihm nicht zu Hilfe kommen konnte. -
Unter einem Poster des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah schlagen sich junge Männer auf ihre entblößte Brust und rufen "Haidar" (ein anderer Name für Imam Hussein) und die Namen seiner Familienmitglieder, die sich in Kerbela opferten. Nasrallah hatte in der Nacht vor Aschura einen seiner seltenen Auftritte, bei dem er seine Anhänger dazu aufrief, ihre Gefolgschaft für Hussein zu bekräftigen, der in der Schlacht von Kerbela 30.000 Mann gegenüber stand. -
Die blutigen Prozessionen umrunden das Areal, auf dem das Ta‘zieh aufgeführt wird. Die Psychologie der schiitischen Politik wird von der Geschichte Husseins maßgeblich beeinflusst. Im Libanon wird Nasrallahs Losung vom „Widerstand gegen die Armee des Feindes“ als direkter Hinweis auf die militärische Intervention der Hisbollah in Syrien verstanden. -
Schiitische Frauen, gekleidet als Mitglieder von Husseins Familie, tragen Schilder mit den Namen von Ali und Hussein durch die Straßen. Auch wenn Frauen nicht oft an der blutigen Zeremonie teilnehmen, spielen sie doch eine wichtige Rolle bei den zehntägigen Riten, die im Aschura-Tag gipfeln. In schwarzer Trauerkleidung versammeln sie sich in der Nacht, schluchzen und weinen, während religiöse Gelehrte Reden über die schiitische Geschichte halten. -
In der Hussainia (einer Versammlungshalle für rituelle Zeremonien der Schiiten), wo das Tatbir beginnt, schreien Kinder, weil ihnen die vorderen Haare abgeschnitten werden. Schon wenn die Kinder erst drei Jahre alt sind, tut man dies – im Glauben, den Kindern damit eine lebenslange Verbundenheit mit Hussein einzuimpfen. Der oberflächliche, ein paar Zentimeter lange Schnitt wird üblicherweise von Verwandten oder Gelehrten mit einer Rasierklinge ausgeführt. Dabei entsteht keine ernsthafte Verletzung. -
Die Teilnehmer vollführen oft wilde Bewegungen mit dem Kopf, um dafür zu sorgen, dass das Blut immer weiter fließt, welches sodann ihre weißen Gewänder rot färbt. Zwei Männer stehen blutüberströmt und wie in einem Zustand der Trance an der Prozession, während libanesische Soldaten die Menge dahinter kontrollieren. -
Wenn die Tatbir-Gruppen ihre Runden um den Platz am Morgen schließlich beendet haben, ist die Hussainia über und über von Blut bedeckt. In diesem Jahr regnete es an Aschura, was half, die Straßen sauber zu spülen, aber was gleichzeitig überall in der Stadt Rinnsale und Pfützen von Blut entstehen ließ.
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