Erinnerung an Jaffa
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Eine israelische Organisation namens Zochrot, die das Gedenken an die Nakba fördert, organisiert unter dem Namen "Häuser hinter dem Trennungsstrich" eine Reihe kultureller Veranstaltungen. Damit soll auf die heute verblasste Vertreibung der Palästinenser aus Jaffa im Jahr 1948 ein Licht geworfen werden. Zu den Veranstaltungen zählen Stadtführungen und Hausbesichtigungen – wie die der vollständig restaurierten Inneneinrichtung eines palästinensischen Wohnhauses im "Ghetto-Viertel" Ajami. -
Eine lokale palästinensische "Dabke"-Gruppe während eines Auftritts auf dem Hafengelände von Jaffa. Vor 1948 war die Stadt – die heute Teil der zusammengelegten Gemeinde Tel Aviv-Yafo ist – das Zentrum der kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten der Palästinenser. Sie war nicht nur für ihren Orangenhandel berühmt, sondern auch Heimat von 20 Verlagen und einer Bibliothek, die komplett zerstört wurde. -
Ein Großteil der Geschichte von Jaffa vor 1948 wurde physisch und symbolisch ausgelöscht. Am 13. Mai 1948 wurden dort zwölf Wohngebiete zerstört, in denen über 80.000 Menschen wohnten, ebenso wie 23 umliegende Dörfer. Ein symbolischer Schlag gegen die Stadt bedeutete die Zerstörung des Saraya-Verwaltungsgebäudes in der Nähe des Glockenturms. Die Saraya-Seifenfabrik in der Nähe wurde verschont, sie steht heute aber leer und wird nur noch von Fledermäusen bewohnt. -
Nachdem die Palästinenser über den Hafen von Gaza und andere Städte deportiert wurden, trafen neue jüdische Einwanderer ein und siedelten sich in den zurückgelassenen Häusern an. Heute leben etwa 20.000 Palästinenser in Jaffa, ein Drittel der gesamten Stadtbevölkerung. Viele von ihnen wohnen in Ajami. 1948 pferchte das Militär die dort verbleibenden 3.900 Bewohner ein und riegelte das Viertel mit einem Stacheldrahtzaun ab. Auf dem Schild steht der Name der ursprünglichen Bewohner des Hauses. -
Während eines geführten Rundgangs hören die Teilnehmer die Lebensgeschichte von Abu Ahmad, der 1948 mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinen beiden Kindern aus Jaffa floh. "Wir gingen an Bord eines Bootes aus der Türkei und kamen in ein Militärlager nach Suez in Ägypten. In diesem Lager lebten über 11.000 Flüchtlinge aus Palästina, davon die meisten aus Jaffa." Der 83-Jährige kehrte in den 1950er Jahren nach Jaffa zurück, und seine Familie kam in Ajami wieder zusammen, wo er bis heute lebt. -
Die Straßennamen in Jaffa haben heute keinen Bezug mehr zur Geschichte der Stadt. Zuerst wurden sie durch Nummern ersetzt und dann durch Namen berühmter jüdischer und zionistischer Persönlichkeiten. -
Dieser Prozess der Umstrukturierung von Raum und Erinnerungen beinhaltet auch die selektive Wahrnehmung der Geschichte und ihrer Erklärungsmuster. Die Maroniten waren eine libanesisch-christliche Gruppe. Während der größte Teil der palästinensischen Besitztümer beschlagnahmt und vom "Treuhänder für das Eigentum Abwesender" verwaltet wurde, konnten die christlichen Kirchen als Teil der Politik des "Teilens und Herrschens" ihren Besitz behalten. Wegen ihrer Privilegien galten Christen als Kollaborateure. -
Die größte Touristenattraktion von Jaffa ist die Altstadt, die von Einheimischen aufgrund ihrer Seelenlosigkeit „Disneyland“ genannt wird. Auf ihren sorgfältig – meist nur auf Englisch und Hebräisch – beschilderten Straßen sind nur Touristen unterwegs. Während der drei Monate napoleonischer Besatzung von Jaffa im Jahr 1799 wurden 4.400 Menschen getötet. -
Bis in die 1980er Jahre hinein war Jaffa von Armut, Verbrechen und Drogenhandel geprägt. Die ersten Künstler, die sich später ansiedelten, hatten es zunächst noch schwer, Fuß zu fassen. Doch sie lösten schon bald einen Gentrifizierungsprozess aus, der bis heute andauert. Dieser Flohmarkt ist berühmt für Antiquitäten, Second-Hand-Mode und schicke Cafés. -
Der Kontrast zwischen Alt und Neu ist auffällig, insbesondere in Ajami. Seit Beginn des Friedensprozesses in den 1990er Jahren verkaufte die Regierung in Jaffa Gebäude, und die Menschen standen Schlange, um billige Häuser zu erwerben. Ein Jahrzehnt darauf explodierten die Immobilienpreise. In Ajami kosten 500 Quadratmeter heute umgerechnet rund drei Millionen US-Dollar. -
Durch die Gentrifizierung sind in Ajami 800 Familien von der Vertreibung aus ihren Häusern bedroht. Esther, eine palästinensische Christin, lebt umgeben von Luxusapartments in einer einfachen Wohnung am Meer. Als vor zehn Jahren eine Welle von Räumungsbescheiden erlassen wurde, war sie die erste, die gerichtlich dagegen klagte – mit Erfolg. -
Esthers Mann wurde das Recht zugestanden, in der gemeinsamen Wohnung zu leben. Die Nachfahren der Palästinenser, die 1948 zwangsweise nach Ajami umgesiedelt wurden, gelten heute bis in die zweite Generation als "geschützte Mieter" und zahlen nur eine symbolische Miete. Sie haben für ihre Wohnungen ein Vorkaufsrecht, doch nur wenige von ihnen können sich den Kauf der Wohnungen leisten. Aktivisten sagen, in Jaffa gehe die Nakba heute noch immer weiter.
https://qantara.de.//node/32089
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